Kabelwerk Oberspree (KWO) heute
Kabelwerk Oberspree
(KWO)

Nach dem Ende der DDR drängt die AEG auf die Rückgabe ihres nach 1945 enteigneten Werks. Doch die im Einigungsvertrag festgelegten Regelungen sehen vor, dass die von der Sowjetunion zwischen 1945 und 1949 vorgenommenen Enteignungen Bestand haben. Die AEG bekommt das Kabelwerk nicht zurück.

Foto: Die „KWO Kabel AG“ kämpft ums Überleben - Präsentation der Produkte auf der Hannover Messe 1991.
Nach dem Ende der DDR schließen sich die zum „Kabel-Kombinat“ gehörenden sieben Kabelwerke zu der Holding „KWO Kabel AG“ zusammen. Die Betriebe gehen an die Treuhandanstalt. Ihre Aufgabe ist die Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit und die Vorbereitung zur Privatisierung. Dafür wird das KWO aufgeteilt. Der westliche Teil des KWO wird zum Verkauf ausgeschrieben, der östliche Teil geht zur weiteren Entwicklung an das Land Berlin. Das verbleibende Kabelwerk hat mit Auftragsrückgängen zu kämpfen. 5.800 Beschäftigte werden zwischenzeitlich auf „Kurzarbeit Null“ gesetzt, dann werden mehr als 3.000 gekündigt.

Foto: Foto: KWO 1992
1992 erwirbt der Weltkonzern BICC Communications Ltd. mit Sitz im englischen Helsby (50.000 Mitarbeiter weltweit) das KWO für 63 Millionen DM. Eine neue „KWO Kabel GmbH“ wird gegründet, eine Beschäftigungsgarantie für bis zu 2.200 Arbeitsplätzen abgegeben. Neben dem Führungspersonal und dem Firmennamen, werden auch die langjährigen Kundenkontakte des KWO übernommen. BICC verspricht, für die Modernisierung des Werkes 157 Mio. DM innnerhalb von drei Jahren zu investieren.
Damit ist das Werk gerettet, die dreijährige Zeit der Unsicherheit für die Mitarbeiter ist vorbei, der Industriestandort Schöneweide hat eine Zukunft. Das KWO wird zum drittgrößten Kabelhersteller bundesweit.
1994 produzieren 1.300 Mitarbeiter Starkstromkabel, Fernmeldekabel. Lichtwellenleiter und montagefertige Kabelgarnituren. Hauptabnehmer sind die Energieversorgungsunternehmen der Deutschen Post, die Leitungen werden u.a. beim Aufbau des Telekommunikations-netzes in Armenien und Georgien eingesetzt.

Foto: Foto: KabelReport – Firmenzeitung der KWO Gruppe, Nov. 1992
Am 21.10.1992 legt die britische Königin Elizabeth II. mit einer Luxusjacht am Spreeufer vor dem KWO an. Zusammen mit Prinz Philip, dem britischen Außenminister Edvard Hurd und großer Entourage besichtigt sie das Kupferwerk und die Starkstromfabrik - auf einem strahlend roten Teppich. Als offizieller Grund für den hohen Besuch wird der Wunsch der Monarchin genannt: „Ostluft schnuppern und den Fuß auf ehemals sozialistischen Boden setzen“. Klar ist, dass der königliche Besuch die beste Publicity ist für die neuen britischen Eigentümer. BICC ist auf Kundenjagd!

Foto: Foto: KabelReport - Firmenzeitung der KWO Kabel GmbH, Jan. 1994
Das äußere Erscheinungsbild des KWO soll für die Außendarstellung und Kundenbindung verbessert werden. Am Anschluss an den Besuch der Queen wird mit der umfangreichen Fassadensanierung im KWO begonnen. Die meisten Gebäude unterliegen dem Denkmalschutz, „da es sich um Anlagen handelt, deren Erhalt wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung oder wegen ihrer Bedeutung für das Stadtbild im Interesse der Allgemeinheit liegt.“

Foto: Die Bausubstanz der denkmalgeschützten Industrieanlagen ist marode.
Trotz Investitionen in neue Anlagen zur Herstellung von Mittel- und Hochspannungskabel, erwies sich der Betrieb als wenig rentabel. Wachsender Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt und verlustreiche Investitionen u.a. in Russland führten die BICC in finanzielle Schwierigkeiten. 1997 kündigte die Geschäftsführung die Einstellung der Produktion im KWO an, was zur Entlassung von 365 der letzten 470 Mitarbeiter führte. Der Senat forderte Fördergelder in Millionenhöhe zurück. Die endgültige Schließung des Werks erfolgte Anfang 1998. Viele der Gebäude wurden marode zurückgelassen, Maschinen sollen sogar beschädigt worden sein, um die Übernahme durch Konkurrenten zu erschweren. Kurze Zeit später verkaufte BICC die gesamte Kabelsparte. Unter dem Namen Balfour Beatty wurde nur das Bau- und Infrastrukturgeschäft weitergeführt. Seit 2016 gehört das Unternehmen zur Sharkia Holding Limited mit Hauptsitz in Dubai.

Foto: Johann Erich Wilms (Mitte), seine Mitarbeiterin Susanne Kolanowski und Heinz Dürr, letzter Chef der AEG – Treffen anlässlich einer Feier zum 100. Todestag von Emil Rathenau in der Starkstromhalle KWO, die vom Industriesalon organisiert wurde.
Das KWO wird weiterverkauft an die Wilms-Gruppe mit Sitz in Menden. Sie gilt als größter deutscher Kabelhersteller in Familienbesitz. Johann Erich Wilms ist Geschäftsführer von mehr als 50 verschiedenen Unternehmen in Bereichen wie Maschinen- und Anlagenbau, Recycling und Oberflächentechnik. Zum Unternehmenskonzept gehört das Aufkaufen von insolventen Industrieanlagen, die dann an anderen Standorten für neue Produktionszwecke umgerüstet werden.
In den folgenden Jahren werden Betriebsteile von der Wilms-Gruppe geschlossen, umgelagert und andere neu aufgebaut.
Die Wilms-Gruppe betreibt auf dem KWO Gelände folgende Betriebe (Stand 2025)
Bayerische Kabelwerke, Bayka AG
Produktionsstandort Berliner Glasfaserkabel GmbH
Eigentümer: Wilms-Gruppe
Seit 2013 produziert die Berliner Glasfaserkabel GmbH in eine modernen Produktionshalle auf dem Gelände des KWO. Als Tochterunternehmen der Bayerischen Kabelwerke AG (Bayka) die zur Wilms-Gruppe gehörten ist BGF ein zentraler Produktionsstandort für Lichtwellenkabel und Glasfaserkabel. Kundenspezifische Kabellösungen ergänzen das Standardprogramm.
- bkbgf.bayka.de
Südkabel GmbH
Eigentümer: Wilms-Gruppe
2004 erwarb Johann Erich Wilms das Kabel- und Garniturenwerk mit all seinen Aktivitäten in Mannheim von ABB. Seitdem trägt das Unternehmen wieder den traditionsreichen Namen Südkabel GmbH.
Standorte auf der ganzen Welt
2024 verkauft Wilms 90% Mehrheitsbeteiligung an der Südkabel GmbH an japanische Sumitomo Electric Industries, die einen Großauftrag für den Ausbau der deutschen „Strom-Autobahnen“ erhalten hat.
Spirka Schnellflechter GmbH
Eigentümer: Wilms-Gruppe
Ein traditionsreiches Maschinenbauunternehmen, das auf die Herstellung von Flecht-, Spiral- und Wickelmaschinen für die Kabel-, Schlauch- und Medizintechnikindustrie spezialisiert ist. Die Firmengeschichte geht bis auf das Jahr 1908 zurück. Seit 2009 werden in historischen Produktionshallen vom KWO mit etwa 33 Mitarbeitern maßgeschneiderte Lösungen für verschiedenste Anwendungen hergestellt.
Das Produktionsbüro des Unternehmens befindet sich im EG der historischen AEG-Kantine.
- spirka-schnellflechter.com
BDK Drahtzieh- und Kunststoffaufbereitungsbereitstellungsgesellschaft
Eigentümer: Wilms-Gruppe
Neben Produkten aus Kupfer bietet BDK Kabel Erzeugnisse aus Aluminium – ein weit gefächertes Sortiment an Kupfer- Rund- und Bündeldrähten, Litzen sowie blanke und verzinnte Seile. Bestandteile des Angebots sind auch Blitzschutz-Produkte, wie Massivdraht und Blitzschutz-Seile aus Kupfer- und Aluminium. Hinzu kommen PVC-Compounds wie Extrusions- und Spritzgussmischungen für Kabelisolierungen und -mäntel, aber auch zur Herstellung von Schläuchen, Steckern, Profilen oder Platten.
- bdk-gmbh.de
Weitere Unternehmen, die als Mieter im KWO tätig sind:
Objects Manufacturing
Vinyl Record Pressing Plant.
Nachhaltige Herstellung von Vinylschallplatten.
- objectsmanufacturing.com
Bootsfritze
Dienstleistungen für Boote
Inhaber: Martin Fritze
Reparaturen, Wartungsarbeiten, Umbauarbeiten
- bootsfritze.de
BMK-Bau-Montagen
Tischlerei
Inhaber: Rene Klaunick
Einbau genormter Baufertigungsteile, Verlegen von Fußböden, Montage von Türen und Fenstern
IAG Testroe GmbH
Geschäftsführer:Frank Neuer
Misch- und Dosiergeräte, Versorgungsstationen, Hochleistungsseparatoren
- iag-testroe.de
Rolls-Royce Solutions GmbH
Ein Standort von 1200 Standorten weltweit.
Michael H. Hierholzer, Managing Director
2013 wurde die Qinous GmbH als Start-Up Unternehmen aus der HTW Berlin gegründet. Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Systemen zur erneuerbaren Energieerzeugung, insbesondere Speicherung sowie Erbringung von Beratungs- und Serviceleistungen zur Anwendung von erneuerbaren Energiesystemen; 2020 übernahm der britische Technologiekonzern Rolls-Royce mit dem Geschäftsbereich Power Systems die Mehrheitsanteile an Qinou. Die Rolls-Royce Solutions GmbH in Berlin (ehemals Qinous) entwickelt Microgrid-Lösungen einschließlich Energiespeichersystemen, die abgelegene Gebiete, Industrieanlagen und gewerbliche Gebäude zuverlässig und effizient mit Strom versorgen.
- iag-testroe.de
archecon
Architektur & consulting GmbH Lars Fuhlbrügge
Seit 2018 befindet sich das Atelier von archecon im ehemaligen Versandgebäude des KWO. Die zweite Etage wurde zu einem großzügigen Großraum-Büro im Loft-Style ausgebaut.
- archecon-berlin.de
creatorShop GmbH
Lagerhalle 21auf dem KWO-Gelände
Geschäftsführer: Stefan Trepke
Internet-Handel von Waren verschiedener Art, insbesondere Werkzeuge, Bau- und Handwerksprodukte, Haushalts- und Gartengeräte.
ONE MORE TIME Recommerce GmbH
Patrick Beukert, Geschäftsführer
Seit 2024 am Standort – An- und Verkauf sogenannter Liquidationswaren (Überbestände, Gebrauchtwaren, Retouren, beschädigte und unvollständige Artikel) sowie die Erstellung und ggf. Lizensierung von Software und Dienstleistungen für diesen Zweck.
Stop making Art
Kunstatelier
- stopmakingart.com
fensterplatzfilm GbR
Leipzig, Berlin, Frankfurt
Komplettdienstleister für die Produktion von audiovisuellen Medien sowie professioneller Fotografie.
- fensterplatz-film.de
GAW gGmbH
Gemeinnützige Gesellschaft für Arbeitsfähigkeit und Wohlbefinden mbH.
Tochtergesellschaft der Institut für Arbeitsfähigkeit GmbH in Mainz. Unterstützung von Unternehmen und Institutionen in allen Bereichen des Betrieblichen Gesundheits- und Arbeitsfähigkeitsmanagements: Arbeitsschutz, Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) und Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF).
- gaw-wai.de
esi Elektranlagen GmbH
Errichtung, Projektierung, Planung, Bauleitung, Betreibung und Instandhaltung von Maschinen, elektrischen Anlagen und Systemen in der Industrie, dem Gewerbe und im häuslichen Bereich, Handel mit Elektromaterialien und elektrischen Geräten.
ingenieurbüro Schmidt & Partner
Ingenieurtechnische Leistungen in der Steuerungs- und Automatisierungstechnik für Kunden in der Industrie und im Gewerbe.
- ib-schmidt-partner.de
Mahalla
Im historischen Drehstromkraftwerk befindet sich seit 2021 das Kreativzentrum „Mahalla“ unter der Leitung des Künstlers Ralf Schmerberg.
Auf 9.000qm wird der Geist von „Elektropolis“, transformiert in einen alternativen Kulturort mit wechselnder Kunst und Spiritualität.
- mahalla.berlin
KWO
Planungen
Das Gelände von Johann Erich Wilms
Wir haben den Eindruck, dass der Eigentümer des KWO-Geländes in den letzten Jahren kaum in die Gebäudesubstanz oder die Infrastruktur investiert hat.
Die historische Bausubstanz des KWO ist für die heutige Produktion eine Herausforderung: Die Gebäude sind denkmalgeschützt, die Zufahrten sind eng, Erweiterungen und Ausbauten kaum möglich. Weite Gebäudeteile sind ungenutzt und stehen größtenteils leer.
Zukünftige Planungen für das Gelände sind uns nicht bekannt.
Hindernisse, die Sorge bereiten
1. Keine Kommunikation
2. Gebäude-Leerstand
Bekannt ist, dass der Eigentümer seine Gebäude generell nicht verkauft. Auch dann nicht, wenn sie seit vielen Jahren leerstehen und verfallen. Und das, obwohl es offenbar viele Interessenten gibt.
Leerstehende Gebäude auf dem Wilms-Areal sind u.a.:
- Die ehemalige KWO-Gummifabrik - erbaut Anfang der 1980er Jahre in mehrgeschossiger Stahlbeton-Skelett-Montagebauweise (1)
- Die ehemalige Fabrik für Isoliermaterial - erbaut 1898, unter Denkmalschutz (2)
- Die ehemalige Drahtfabrik des KWO - erbaut 1897, unter Denkmalschutz (3)
- Die ehemalige Werkskantine - erbaut 1899, unter Denkmalschutz (4)
- Die ehemalige Gummischlauchfabrik - erbaut 1899, unter Denkmalschutz (5)
3. Kantine
Das Gebäude gehört zum Kabelwerk der AEG und ist ein eingetragenes Baudenkmal. Es wurde zwischen 1899 und 1900 als „Casino“ errichtet, steht für die Anfänge der betrieblichen Sozialpolitik. Und gilt es als hervorragendes Zeugnis für den Werkskantinenbau in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg.
Der Industriesalon engagiert sich seit vielen Jahren für den Erhalt des einsturzgefährdeten Gebäudes. Zusammen mit Fachleuten wurde die Neunutzung für ein „Elektropolis-Museum“ detailliert geplant. Bedingt durch mangelhafte Kommunikation zwischen Senat/Bezirk/Eigentümer sind die zugesagten Fördergelder inzwischen verfallen. Vielleicht gelingt ein Neustart mit privaten Investoren?
4. Uferweg
Bereits im Jahr 2009 hatte die Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick beschlossen, dass auf dem Grundstück Wilhelminenhofstraße 76/77 ein Uferweg gebaut werden soll. Dann könnten Spaziergänger und Studenten bequem zwischen dem Kaisersteg und der HTW Berlin am Spreeufer flanieren.
Das Bezirksamt signalisiert Gesprächsbereitschaft, doch die Instrumente zur Durchsetzung der staatlichen Planung sind begrenzt.
Der Eigentümer ist bis jetzt nicht bereit, seinen 400m langen Uferstreifen zu öffnen.
Er führt u.a. Sicherheitsbedenken an. Auf dem Gelände wird Kupfer verarbeitet, In den letzten Jahren gab es vielfach dreiste Diebstähle in großem Stil.
„Ufer frei“
Die Bürgerinitiative Schöneweider Ufer kämpft seit Langem dafür, dass der Uferweg für die Öffentlichkeit geöffnet wird. Sie organisiert regelmäßig die Schwimmdemonstration „Ufer frei!“. Im Rahmen des Schöneweider Brückenfests stürzen sich alljährlich Unterstützer an der Rückseite der HTW in die Spree und legen den abgesperrten Uferabschnitt bis zum Kaisersteg schwimmend zurück.